Safewards: eine Einführung.

Ein sicheres Umfeld für alle herzustellen, ist ein wichtiges Ziel jeder Gemeinschaft. Dies gilt für Krankenhäuser ebenso wie für Schulen, Gemeinden, Arbeitsplätze und sogar Familien. Es gilt auch für psychiatrische Kliniken. Jedem die größtmögliche Sicherheit zu bieten, erfordert Überlegungen und Anstrengungen.

Unser Forschungsteam denkt seit Jahren darüber nach und arbeitet daran. Unlängst haben wir ein paar Ideen auf verschiedenen Stationen getestet und festgestellt, dass sich die Sicherheit dort bedeutend verbessert hat. Dieses Projekt haben wir „Safewards“ genannt. Dies ist eine Beschreibung der Überlegungen, die Safewards zugrunde liegen.

Das Modell hinter Safewards:

Einige wichtige Begriffe. Zunächst wollten wir beschreiben, was Stationen zeitweise zu unsicheren Orten macht. Dies ist nicht leicht, denn auf Stationen ist immer viel los, und außerdem unterscheiden sie sich in Größe, Standort, Ausstattung usw.. Unser Ausgangspunkt war deshalb, die Dinge zunächst etwas zu vereinfachen. Dies erreichten wir durch komprimierte Begriffe für alles, was auf den Stationen reduziert werden sollte.

Bei Safewards benutzen wir das Wort „Konflikt” als Kürzel für ein Patientenverhalten, das zu Verletzungen führen kann. Unter „Konflikt“ fallen bei Safewards Dinge wie: Gewalt; Suizid und Selbstverletzung; Alkohol- und Drogenmissbrauch, Entweichungsversuch (die Station unerlaubt verlassen und nicht zur Behandlung erscheinen). Auch die Nichteinhaltung bestimmter Grundregeln gehört dazu, ebenso wie die Weigerung, sich von Pflegepersonen behandeln zu lassen, oder das Rauchen in unangemessenen Bereichen, wo es zum Streit mit Mitarbeitern oder anderen Patienten kommen kann.

Natürlich zielen unsere Maßnahmen nicht nur auf das Verhalten von Patienten ab. Auch Pflegepersonen führen manchmal die Station auf eine Weise, die stark auf Einschränkungen und Zwang setzt, wenngleich dies in bestimmten schwierigen Situationen durchaus notwendig sein kann. Bei Safewards benutzen wir das Wort „Eindämmung” als Kürzel für Methoden des Pflegepersonals, um Schwierigkeiten auf der Station in den Griff zu bekommen. Bei Safewards fallen unter „Eindämmung“ Dinge wie: zusätzliche Medikation (Einmaldosis, durch die der Patient beruhigt oder kontrollierbarer wird); stärkere Überwachung und Beobachtung von Patienten; Einschränkung des Patienten durch Verlegung auf eine sicherere Station oder Einschränkung der Bewegungsfreiheit auf der Station.

Wir wissen über Konflikte und deren Eindämmung, dass sie sich auch bei größter Wachsamkeit gegenseitig verstärken können. Wir wissen zum Beispiel, dass das Abschließen der Station bestimmte Arten von Krisen (Entweichungsversuche) verhindern kann, im Gegenzug aber das Risiko für andere Krisenarten wie Selbstverletzung steigert. Das heißt nicht, dass Türen nie abgeschlossen werden sollten, doch wenn es geschieht, sollte darauf geachtet werden, dass keine anderen „Konflikte“ daraus erwachsen.

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Das Modell hinter Safewards: Wie alles zusammen passt.

Wir studierten über 1.000 detaillierte Forschungsberichte, um dieses Modell zu entwickeln. Das Schaubild unten verdeutlicht, was unserer Meinung nach Konflikte und Eindämmungsversuche auslöst und was Pflegepersonen und Patienten zu einer Reduzierung der Problematik beitragen können. Schließlich ist ein „Modell“ etwas, an dem sich komplizierte Dinge verdeutlichen lassen, und das ist auch hier der Fall. Es ist kein Patentrezept. Wir sollten immer weiter darüber nachdenken und diskutieren, wie unser Verständnis verbessert werden kann. Wir hoffen, dass unser Modell uns einen Ausgangspunkt für die Debatte liefert.

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Von links aus gesehen beginnt das Diagramm mit den Ursprungsfaktoren. Dabei handelt es sich um Aspekte auf der Station, die als potenzielle Krisenherde bekannt sind. Wie man sehen wird, können wir diese Faktoren nicht abstellen, weil sie einfach zum Stationsleben dazu gehören. Allerdings konnten wir aus den von uns einbezogenen Studien herauslesen, dass wir diese Bereiche unbedingt in unsere Überlegungen einbeziehen müssen.

Als Folge der Ursprungsfaktoren entstehen Krisenherde, also Zeiten oder Situationen, in denen etwas schief laufen kann. Das heißt nicht, dass es so kommen muss, aber es könnte durchaus passieren. Da es bei Safewards vor allem darum geht, was die Mitarbeiter tun können, haben wir uns auf diese konzentriert.

Wie man aus dem Modell entnehmen kann, können Pflegepersonen Krisenherden aktiv vorbeugen, indem sie die Ursprungsfaktoren im Auge behalten und einschreiten, bevor das Problem überhaupt auftritt.

Auch durch die Art, wie sie mit einem Krisenherd umgehen, können sie viel bewirken. Sogar nach Ausbruch des Konflikts haben sie großen Einfluss, indem sie umsichtig mit der Situation umgehen und eine eindämmende Maßnahme wählen, die die Sache nicht noch verschlimmert.

Das Safewards Modell in einer etwas detaillierteren Form:

Um etwas tiefer in die Materie zu gehen, beginnen wir mit den Ursprungsfaktoren, ermitteln potenzielle Krisenherde und überlegen, was Pflegekräfte tun können, um den Verlauf zu beeinflussen.

Ursprungsfaktoren

Krisenherde - Beispiele

Mitarbeitermodifikatoren - Beispiele

  1. Faktor „Stationsteam“ oder „Interne Struktur“

(Hier geht es darum, wie Mitarbeiter mit ihren eigenen Gefühlen umgehen. Es geht auch darum, wie sie sich gegenseitig dabei unterstützen, Regeln zu setzen und einzuhalten, und ob sie einheitlich mit den Anliegen der Patienten umgehen. Es wird auch darüber nachgedacht, inwieweit die alltägliche Stationsroutine darauf abgestellt ist, mit den Patienten zusammen zu sein und sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern. Dazu gehört auch, für Sauberkeit und Ordnung auf der Station zu sorgen.)

Wenn Pflegepersonen dem Patientenverhalten Grenzen setzen.

Wenn Mitarbeiter den Patienten unerfreuliche Informationen oder schlechte Nachrichten mitteilen müssen.

Wenn Pflegepersonen nicht einheitlich mit den Stationsregeln umgehen.

Wenn das Stationspersonal aus irgendeinem Grund den Anliegen oder Bedürfnissen eines Patienten nicht nachkommt.

Umsichtig und einfühlsam mit Situationen umgehen, in denen Pflegepersonen Patienten auffordern müssen, etwas zu tun oder zu unterlassen.

Auch in der Lage sein, Patienten schlechte Nachrichten einfühlsam und schonend beizubringen.

Die Station sollte gut als Team zusammenarbeiten und dabei einheitlich und klar handeln.

  1. Faktor „Räumliche Umgebung“

 

(Je ansprechender die Station eingerichtet ist - mit hochwertigen Möbeln, Ausstattung und Dekoration - desto wohler fühlen sich die Patienten und desto weniger Konflikte entstehen. Stationen, die gut zu überblicken sind und nur wenige nicht einsehbare Bereiche haben, sind allgemein sicherer. Zu diesem Faktor gehört auch, dass das Pflegeteam eine gesunde Balance findet zwischen der Notwendigkeit, Patienten eng zu betreuuen, und dem Bedürfnis, ihnen Privatsphäre zu gewähren.)

Patienten, die längere Zeit isoliert waren.

Frustration, wenn Möbel, Einrichtungsgegenstände kaputt oder nicht benutzbar sind oder die Dekoration düster und deprimierend ist.

Die ersten Tage nach der Aufnahme, wenn die Fremdheit der Station wie ein Schock wirken kann.

Wenn Patienten klar wird, dass die Tür (eventuell) verschlossen ist und sie um Erlaubnis bitten müssen, um hinaus zu gehen, oder sogar gar nicht nach draußen dürfen.

Sorgfalt auf die Reparatur der Einrichtung und die Dekoration verwenden.

Das Pflegeteam weiß, wo sich Patienten aufhalten, und entscheidet aktiv, ob Privatsphäre gewährt wird oder intensive Betreuung angebracht ist.

Die Pflegepersonen nehmen sich Zeit für die Patienten, konstatieren deren Belastungen und fürchten sich nicht davor nachzusehen, wenn sie vermuten, dass jemand Hilfe braucht oder zu Schaden kommt.

  1. „Krankenhausexterne Faktoren“

 

(Psychiatrische Stationen sind nicht von der Welt abgeschnitten. Ereignisse und Menschen außerhalb der Station beeinflussen uns. Geldsorgen, Streitigkeiten oder Schwierigkeiten mit Angehörigen und Freunden verschwinden nicht bei der Aufnahme. Drogen und Alkohol sind außerhalb der Klinik verfügbar, wenn die Patienten Ausgang haben oder die Klinik unerlaubt verlassen. Außerdem sind sich die Patienten immer darüber im Klaren, dass sie irgendwann entlassen werden und in die Außenwelt zurückkehren.)

Patienten, die Streit mit Angehörigen und Freunden haben.

Ein Patient, der sich mit Scheidung / Trauerfall / Krankheit / Verlust auseinandersetzen muss.

Patienten, die schlechte Nachrichten über Menschen oder Ereignisse außerhalb der Station erhalten.

Krisen bei Patienten oder Angehörigen zuhause (Schulden, Rechnungen, Brand, Einbruch, drohende Räumung usw.).

Die Pflegepersonen sind mit Angehörigen und Freunden vertraut und pflegen Umgang mit ihnen.

Die Pflegepersonen bieten Hilfe für Angehörige und Freunde an oder vermitteln Hilfe.

Die Pflegepersonen machen sich bewusst, welche Sorgen die Patienten außerhalb der Station haben.

  1. Faktor „Patientengruppe“

 

(So wie die Stationen nicht immun gegen Spannungen von außen sind, so sind die Patienten nicht immun gegen Spannungen durch andere Patienten. Auf Stationen, wo jeder zu kämpfen hat, um klar zu kommen, können sich die Emotionen aufschaukeln.)

Gefühle oder Verhaltensweisen anderer Patienten wirken sich teilweise sehr negativ auf Mitpatienten aus.

Ängstliche oder frustrierte Patienten haben besonders viele Schwierigkeiten, mit dem Verhalten anderer Menschen umzugehen.

Die Pflegepersonen sollten vormachen, wie man mit schwierigen Gefühlen oder Verhaltensweisen umsichtig und verständnisvoll umgeht.

Die Pflegepersonen können dafür sorgen, dass Patienten die Chance bekommen, sich gegenseitig hilfreich zu unterstützen.

  1. Faktor „Patienteneigenschaften“

 

(Patienteneigenschaften, die verstärkt als Konfliktauslöser angesehen werden können.
Diese unterteilen sich in 3 Gruppen:

  1. Eine Reihe möglicher Symptome wie Wahnvorstellungen oder Halluzinationen.
  2. Patienten, die Schwierigkeiten mit Beziehungen zu anderen Menschen haben.
  3. Alter, Geschlecht, Diagnose, Wohnorte der Patienten usw. Manche Arten von Konflikten sind bei bestimmten Gruppen wahrscheinlicher. Beispielsweise neigen junge Männer eher zu Entweichungsversuchen aus der Behandlung als andere.

Wenn Pflegepersonen Patienten Anweisungen geben oder sie auffordern müssen, etwas zu tun oder etwas zu unterlassen.

Wenn die Pflegepersonen Patienten Einschränkungen auferlegen.

Wahrgenommener (oder realer) Freiheitsverlust.

Die Mitarbeiter bieten eine optimale und zeitnahe Betreuung.

Die Mitarbeiter erklären die Situation.

Sie gehen einfühlsam mit Situationen um, in denen Pflegepersonen Patienten auffordern müssen, etwas zu tun oder etwas zu unterlassen. (siehe 1. „Stationsteam“)

6 Faktor „Regulatorische Rahmenbedingungen“

(Sowohl die Mitarbeiter, als auch die Patienten sind an Gesetze und an Regeln der Klinikverwaltung gebunden. Die Gesetze zu Unterbringung und Zwangsbehandlung sind bindend. Viele Klinikregeln sind so formuliert, dass alle Stationen dieselben Abläufe einhalten. Sie befolgen meistens die staatlichen Leitlinien. Durch diesen Faktor wird Pflegefachpersonen eine erhebliche Bestimmungsgewalt über den Patienten übertragen, doch auch eine große Verantwortung.)

Wenn die Realität des Einsatzes von gesetzlichen ärztlichen Zwangsmaßnahmen zu Spannungen zwischen Patienten und Mitarbeitern führt.

Wenn die Patienten den Eindruck haben, Pflegepersonen würden ihre Macht missbrauchen oder ihrer Verantwortung nicht nachkommen.

Die Pflegepersonen können besonders darauf achten, dass den Patienten ihre Rechte umfassend gewährt werden.

Dazu gehört es, die Patienten zu informieren und ihnen bei Einsprüchen oder Beschwerden behilflich zu sein.

Das Stationsteam ist so flexibel wie möglich, um reale Einschränkungen abzufedern.

 

Was ist der springende Punkt an dem Modell und inwiefern hilft es?

Wir sagen nicht, dass dieses Modell alle Fragen dazu beantwortet, wie man Menschen auf psychiatrischen Stationen optimale Sicherheit bietet. Wie bereits erwähnt, gibt es immer noch weitere Aspekte zu bedenken. Unserer Meinung nach liefert es aber einen Einstieg, um ein sehr kompliziertes Thema zu verstehen.

Wir glauben auch, dass uns dieses Modell auf Ideen bringt, wie man Pflegepersonen und Patienten auf einer Station zur Zusammenarbeit ermutigen kann, damit Konflikte und deren Eindämmung so wenig wie möglich auftreten. Bisher blieb unerwähnt, dass die Häufigkeit von Konflikten auf psychiatrischen Stationen sehr unterschiedlich ist. In einigen Stationen treten bis zu zehn mal weniger Konflikte auf. Das deutet darauf hin, dass man sehr wohl Einflussmöglichkeiten hat.

Außerdem haben wir anhand einiger aus dem Modell resultierender Ideen getestet, wie man Konflikte und Eindämmungsversuche reduzieren könnte. Alle diese Ideen zusammenzutragen, war eine langer Weg. Es wurden viele Gesprächen mit ehemaligen Patienten und Pflegefachpersonen darüber geführt, was machbar wäre. Nachdem man sich über die Ideen geeinigt hatte, wurden diese in einer Studie auf realen Stationen strengen Tests unterzogen.

Die Ideen (aktive Interventionen der Mitarbeiter auf den Stationen) reduzierten die Konflikte und Eindämmungsversuche signifikant.* Diese Interventionen werden auf unserer Website detailliert beschrieben. Vielleicht haben Sie selbst auch ein paar gute Ideen! Wir hoffen, dass sich viele Menschen an unserer Arbeit beteiligen. Wir müssen alle zusammenarbeiten, um den Menschen auf psychiatrischen Stationen eine größtmögliche Sicherheit zu bieten.